Presseberichte 2007
Riesige Datenmengen in Stralsunder Keller
Im Rechenzentrum Boreus brummen nicht nur Computer für Internetauftritte namhafter Konzerne, auch der Umsatz stieg 2007 mächtig.
Stralsund. Holger Lebrechts rechter Zeigefinger tippt den Zahlencode in das Tastenfeld. Seine linke Hand verdeckt dabei die rechte. Grünes Licht. Die Tür geht auf. Ein dröhnendes Rauschen. „Die Klimaanlage“, sagt Lebrecht. Kühlung für die Riesenrechner. Die Herzstücke des Rechenzentrums Boreus stehen im Untergeschoss: Holger Lebrecht zwischen mannshohenServern.
Hier, in einem Stralsunder Keller, am Rande der Republik, stehen die Server für die Internetauftritte von Computer Bild, Welt.de, Hörzu, Telefonica, Aida oder Immonet.de.
2003 wollte der Insolvenzverwalter dem Gebäude an der Schwedenschanze den Saft abdrehen. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase hatten Banken und Anleger das Vertrauen in Internet-Geschäfte verloren. Das erfuhr auch Tourisline. „Einmal ohne Strom ist das Gebäude wie verdorbene Ware“, sagt Lebrecht. „Nutzlos.“ Zumindest koste es „irre viel Geld“, die Technik wieder hochzufahren.
Lebrecht nahm privates Kapital auf, vereinbarte Lohnverzicht mit den Tourisline-Angestellten und schuf das Rechenzentrum Boreus, dem das Haus jetzt auch gehört. „Das Gebäude ist Bestandteil des Geschäftskonzeptes“, sagt der 44-jährige Geschäftsführer.
Der Boden im Untergeschoss ist 80 Zentimeter dick, von Leitungen durchzogen. Die Stromkosten betragen monatlich 18 000 Euro. Am gefräßigsten ist die Klimaanlage.
Zwei Angestellte befassen sich ausschließlich mit der Abwehr von Viren und Hackern. Um die Netzwerke hat das Rechenzentrum 20 Firewalls aufgebaut. Eine Datenmenge von 200 bis 300 Terabyte wandert im Monat durch das System. Dafür zahlt Boreus 15 000 bis 16 000 Euro an Internetkosten. Im Gebäude arbeiten 600 Computer als Server. Die besten enthalten 64 Prozessoren und kosten 50 000 Euro. Allein Auto Bild benötigt 40 Server.
Boreus verfügt über zwei Rechenzentren. Das heißt: Fallen die Auto Bild-Server in der einen Gebäudeeinheit aus, übernehmen 40 andere im gegenüberliegendem Raum. Die Stromkreise sind getrennt. Bei einem Komplettausfall wird auf Batteriebetrieb umgestellt. Nach drei bis vier Stunden übernimmt der Dieselgenerator.
Platzprobleme gibt es aber keine. „Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Technik sehr verkleinert, leistet aber das Dreifache“, sagt Lebrecht. Wo früher eine ganze Schrankwand mit Computertechnik stand, rechnet heute eine kleine Kiste. Das Unternehmen vermietet auch Büros, derzeit an Tourismarketing, die Compass Group und das Call-Center Arvato Services.
Soeben hat sich Boreus einen neuen Geschäftszweig eröffnet: die betriebswirtschaftliche Software SAP. Der Auftrag lautet, für 13 000 Mitarbeiter die Lohnzettel über das Internet verfügbar zu machen. „Mit SAP werden wir unser Spektrum erweitern“, sagt Lebrecht. „Sehr spannend, aber auch sehr komplex.“
2007 hat Boreus 2,5 Millionen Euro Umsatz gemacht – plus 50 Prozent. „Viele Kunden haben ihrer Internetpräsentation ein neues Gesicht gegeben“, begründet Lebrecht das jähe Wachstum. Derzeit arbeiten 25 Menschen im Rechenzentrum.
Andreas Schubert wird als „Eigengewächs“ vorgestellt. Er hat im Unternehmen Fachinformatiker gelernt. Nun leitet der 28-Jährige Projekte. Lebrecht: „Die Charaktereigenschaften, die es zur Personalführung braucht, findet man selten. Wenn ich die Fähigkeiten erkenne, dränge ich Leute auch zur Verantwortung.“ Schubert sagt: „Dass Informatiker immer stille Tüftler sind, ist eindimensional gedacht. Ich kann gut mit Menschen.“
„Alles hochprofessionell hier“, so charakterisiert Holger Lebrecht die Zusammenarbeit. Vom Rock’n’Roll der New-Economy- Zeit sind die flachen Hierarchien geblieben. Und: Zur Arbeit kommt Lebrecht im Kapuzenpulli mit dem Aufdruck „Metallica“.
Von DENNIS JUNG

